Experten-Interview: Innovationsmanagerin Anna Anderson-Elzer über Barrierelösungen und PPWR-Anforderungen
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Mayen, 01. September 2026 – WEIG-Innovationsmanagerin Anna Anderson-Elzer spricht in unserem Experten-Interview darüber, wieso Recyclingkarton besondere Barrierelösungen erfordert und welche Anforderungen die PPWR mit sich bringt.
1. Wenn von „Barriere“ gesprochen wird, ist das zunächst ein sehr weiter Begriff. Welche unterschiedlichen funktionalen Anforderungen können damit grundsätzlich gemeint sein?
„Barriere“ ist tatsächlich ein Begriff, der sehr viele Funktionen umfassen kann. Je nach Anforderung reden wir hier zum Beispiel von Schutz vor Feuchtigkeit, Wasserdampf, Fett, Öl, Sauerstoff oder Aromaverlust. In anderen Anwendungen spielt das Thema Migration eine wichtige Rolle.
Deshalb gibt es aus meiner Sicht auch nicht die eine perfekte Barriere. Die erste Frage muss immer sein: Wovor muss ich mein Produkt eigentlich schützen – und für wie lange?
Erst wenn das klar ist, kann man eine sinnvolle Barrierelösung entwickeln.

2. Welche neuen Einsatzmöglichkeiten für Recyclingkarton eröffnen funktionale Barrieren? Wo liegen dabei die größten technischen Herausforderungen?
Funktionale Barrieren können den Einsatzbereich von Recyclingkarton noch deutlich erweitern. Recyclingkarton kann zunehmend auch bei Anwendungen sicher eingesetzt werden, die bisher bevorzugt mit Frischfaserkarton oder komplexeren Verbundmaterialien umgesetzt wurden.
Das betrifft gerade anspruchsvollere Anwendungen, bei denen beispielsweise Feuchtigkeit oder Fett eine Rolle spielen.
Die Herausforderung der Barriere ist es, die zusätzliche Funktionalität zu erreichen, ohne die Vorteile des Recyclingkartons – vor allem die Recyclierbarkeit – einzuschränken. Die Barriere muss zuverlässig funktionieren, industriell verarbeitbar sein und am Ende trotzdem in ein möglichst gutes Recyclingkonzept passen.
Genau diese Balance macht das Thema spannend.
3. Wo liegen die besonderen Herausforderungen von Recyclingkarton, wenn es um die Integration zusätzlicher Barrierefunktionen geht?
Recyclingkarton ist ein sehr leistungsfähiges Material, bringt aber naturgemäß eine andere Materialhistorie und teilweise größere Schwankungen mit als ein Material, das ausschließlich aus frischen Fasern besteht. Das betrifft beispielsweise Oberflächenbeschaffenheit, Porosität oder Saugverhalten. Eine auf Recyclingfasern ausgelegte Barrierelösung muss damit zuverlässig umgehen können.
Es reicht nicht, auf einem perfekten Muster im Labor einen guten Barrierewert zu erzielen. Die Lösung muss unter industriellen Bedingungen robust und reproduzierbar funktionieren.
Das ist aus meiner Sicht einer der entscheidenden Punkte.

4. Welche Bedeutung hat der Grundsatz „so viel Barriere wie nötig, so wenig wie möglich“ bei der Entwicklung faserbasierter Verpackungen?
Eine maximale Barriere ist nicht automatisch die beste Verpackung. Wenn eine Anwendung nur einen bestimmten Schutz verlangt, macht es aus wirtschaftlichen und recyclingtechnischen Gründen wenig Sinn, mehr Material oder Funktion einzusetzen als notwendig.
Deshalb gefällt mir folgender Grundsatz sehr gut: Wir sollten nicht fragen, wie viel Barriere technisch möglich ist, sondern wie viel tatsächlich gebraucht wird.
Das reduziert Komplexität und Materialeinsatz und kann gleichzeitig Vorteile bei der Verarbeitung und Recyclingfähigkeit bringen.
5. Welche Parameter sind entscheidend, wenn für eine Verpackungsanwendung das passende Barriereprofil definiert wird?
Am Anfang steht für mich immer das Produkt. Wie empfindlich ist es gegenüber Feuchtigkeit, Sauerstoff, Fett oder Aromaverlust? Welche Haltbarkeit wird erwartet? Wie wird es transportiert und gelagert? Welche Temperaturen und klimatischen Bedingungen treten dabei auf?
Danach kommen die Anforderungen aus der Verpackungs- und Prozesskette: Wie wird bedruckt? Wie wird gestanzt, gerillt, geklebt oder gefaltet?
Das passende Barriereprofil entsteht also nicht aus einem einzelnen Messwert. Es entsteht aus dem Zusammenspiel von Produkt, Verpackung und Prozess. Hier ist eine frühzeitige Abstimmung aller Beteiligten besonders wichtig.
6. Wie verändert die PPWR die Anforderungen an Barrierelösungen für Recyclingkarton, insbesondere mit Blick auf Recyclingfähigkeit und „Design for Recycling“?
Die PPWR verstärkt einen Trend, den wir ohnehin sehen: Recyclingfähigkeit wird von einem reinen Nachhaltigkeitsargument immer stärker zu einer grundlegenden Designanforderung.
Die Verordnung gilt seit dem 12. August 2026. Ab 2030 sollen Verpackungen anhand von Design-for-Recycling-Kriterien bewertet werden. Ab 2035 kommt zusätzlich die Frage hinzu, ob sie auch tatsächlich in großem Maßstab recycelt werden können.
Für Barrierelösungen bedeutet das: Es reicht künftig nicht aus, nur auf die reine Schutzfunktion zu schauen. Wir müssen bereits bei der Entwicklung bedenken, wie sich Beschichtung, Karton, Druckfarben, Klebstoffe und weitere Bestandteile im Recyclingprozess verhalten.
Ich sehe das aber nicht unbedingt als Einschränkung. Im Gegenteil: Für Recyclingkarton ist das auch eine Chance. Wenn es gelingt, hohe Funktionalität und gutes „Design for Recycling“ miteinander zu verbinden, können sich zusätzliche Anwendungen für Recyclingkarton eröffnen.
Die grundsätzliche Richtung der PPWR ist jedenfalls klar: Verpackungen sollen bis 2030 recyclingfähig sein und schon bei ihrer Gestaltung stärker auf Kreislauffähigkeit ausgelegt werden. Das sind sehr gute Voraussetzungen für den Einsatz von Recyclingkarton.
